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Jürgen Renn, Die Open-Access-Initiative der Max-Planck-Gesellschaft,

a contribution to the signing ceremony of the Berlin Declaration by the Minster of Science of the German Bundesland Nordrhein-Westfalen
in Düsseldorf 2004


Sehr geehrte Frau Minister, meine Damen und Herren, lieber Herr Kollege Stein,
zunächst einmal herzlichen Dank für die Gelegenheit, an diesem Pressegespräch für die Max-Planck-Gesellschaft teilnehmen zu dürfen. Ich darf vorweg sagen, Frau Ministerin, dass Ihre initiative in der Max-Planck-Gesellschaft eine sehr positive Resonanz gefunden hat, gerade weil sie nicht nur eine Absichtserklärung ist, sondern sich schon jetzt mit ganz konkreten Schritten verbindet, die uns Wissenschaftlern unmittelbar nützen, z.B. durch Musterverträge und Modelllösungen.
Erlauben Sie mir aber ganz kurz noch einmal auf die Situation einzugehen, aus der die Berliner Erklärung entstanden ist.
Wir befinden uns mitten in einem Paradigmenwechsel der wissenschaftlichen Kommunikation, der nur mit den radikalen Veränderungen vergleichbar ist, die die Erfindung des Buchdrucks ausgelöst hat.
Gerade deshalb aber bleibt es wichtig, sich auf das zentrale Ziel wissenschaftlichen Arbeitens zu besinnen: neues Wissen zu erzeugen und es zum Nutzen der Menschen zu verbreiten.
Traditionell kann dieses Ziel nur erreicht werden ein einem Kreislauf, in dem die Verlage für die Produktion und die Verbreitung sowie für die Organisation der Fachgutachten Sorge tragen.
Dieser Kreislauf ist in eine Krise geraten. Die Wissenschaftsförderung nach dem Motto "publish or perish" hat zu einer Aufblähung des Publikationswesens geführt und diese Krise verschärft.
Die Preisspirale der wissenschaftlichen Fachzeitschriften und die Dominanz formaler Bewertungskriterien wie "impact factor" und "citation index" sind Symptome dieser Krise.
Weil sich ein Verlag in der Regel das exklusive Vertriebsrecht für eine wissenschaftliche Arbeit abtreten läßt und weil für den informationssuchenden Forscher der Zugang zu einer solchen Arbeit nicht austauschbar ist, entfallen strukturell Marktmechanismen und es kommt zu einer Ausbildung von Oligopolen von Großverlagen.
Diese Oligopole haben sich als unfähig erwiesen, auf die inhaltlichen und ökonomischen Herausforderungen zu reagieren und blockieren mit ihrer Inflexibilität das Potential der neuen Informationstechnologien.
Ein Wort zu diesem Potential: Das Internet macht die unmittelbare, sofortige und uneingeschränkte Verfügbarkeit aller wissenschaftlichen Primärinformationen möglich. Dieses Potential im Sinne der Wissenschaft und im Sinne des Steuerzahlers, der ja schon für die Produktion dieses Wissens bezahlt hat, optimal zu nutzen, ist der Grundgedanke von Open-Access.
Zum Potential der neuen Medien gehört aber auch die Verfügbarmachung des "Informationshinterlandes", also der Rohdaten von Experimenten, aber auch der Manuskripte und Dokumente, die die Rohdaten der Geisteswissenschaften sind. Schließlich gehört zu diesem neuen Potential die Möglichkeit vernetzten Arbeitens, das ebenfalls nur möglich ist, wenn man im Internet keine künstlichen Barrieren errichtet.
Aber mit dem neuen Potential verbindet sich auch die Herausforderung, bei deren Bewältigung die Verlage gegenwärtig ebenfalls wenig hilfreich sind: Dazu gehört die Notwendigkeit, die langfristige Verfügbarkeit wissenschaftlichen Informationen im Internet zu sichern.
Dazu gehört eine technische Infrastruktur, die die erwähnte Vernetzung erst möglich macht.
Dazu gehört ein Mentalitätswandel der Wissenschaftler, die sich an neue Arbeitsformen gewöhnen müssen.
Und zu all dem gehören Kosten: Open Access ist kein kostenloser Access.
Deshalb abschließend ein Wort zur Strategie öffentlich finanzierter Forschungseinrichtungen wie der MPG, um auf diese Herausforderung zu reagieren. In der gegenwärtigen Situation muß die Wissenschaft selbst und müssen ihre Förderer Verantwortung für die Ausgestaltung einer zukunftsfähigen Infrastruktur übernehmen.
Dazu gehört die Entscheidung, dass Disseminationskosten Teil der Forschungskosten sind.
Dazu gehören auch die von der Ministerin bereits angesprochenen Allianzen. Denn der Paradigmenwechsel des Publikationswesens kann nur von den weltweiten Forschergemeinde bewältigt werden und die Berliner Erklärung war ein wichtiger Schritt in diese Richtung.
Z.B. kann die Anerkennung einer Open-Access-Publikation auf der gleichen Stufe mit der Publikation in einer Nicht-Open-Access-Zeitschrift nur gemeinsam durchgesetzt werden.
Auch die Lösung rechtlicher Fragen und der Aufbau einer Open-Access-Plattform, die die langfristge Verfügbarkeit garantiert, bedarf solcher Allianzen. Die Tatsache, dass die Berliner Erklärung über den offenen Zugang zu wissenschaftlichen Wissen inzwischen weltweite Unterstützung gefunden hat, von der Chinesischen Akademie der Wissenschaft über das europäische Kernforschungszentrum CERN bis hin zum Weltgipfel für die Informationsgesellschaft, ist ermutigend.
Was am Ende aber zählt, sind die konkreten Schritte und das bringt mich wieder zurück zur MPG und zu Nordrhein-Westfalen.
Die Berliner Erklärung ist eine Selbstverpflichtung zum Aufbau von Strukturen zur Förderung von Open-Access im Sinne der Wissenschaft. Um diese Strukturen zu schaffen, hat die MPG für die nächsten fünf Jahre insgesamt 25 Millionen Euro zur Verfügung gestellt.
Darüberhinaus hat das BMBF der MPG und ihrem technischen Partner, dem FIZ Karlsruhe mehr als sechs Millionen Euro bewilligt, um in den nächsten fünf Jahren eine wissenschaftliche Publikations- und Kommunikationsplattform für die Forchung zu entwickeln, aus der eine nationale Modelllösung hervorgehen könnte. NRW hat u.a. durch seine Digital Peer Publishing Initiative ebenfalls bereits konkrete Schritte zur Verwirklichung einer zukünftigen Open-Access-Infrastruktur unternommen...
Aus Sicht der MPG ist der heutige Tag deshalb der Ausgangspunkt einer strategischen Allianz zugunsten der Wissenschaftsgesellschaft der Zukunft und eine Stärkung des Wissenschaftsstandortes Nordrhein-Westfalen.

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