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wiſſen richtigen Vorſtellungen in die Welt kommt.
Wenn das
neugeborne Schaf und Füllen ohne weiteres auf das Mutter-
tier zugeht, um an den Zitzen zu ſaugen, ſo geſchieht dies nur,
wenn und weil es die Mutter ſieht; denn junge Hunde, die
nicht gleich nach der Geburt ſehen können, verſtehen es auch
nicht, ſich nach der Mutter hinzubegeben. Obwohl nun der
Jnſtinkt das Schaf zur Mutter leitet, ſo geſchieht die Leitung
doch infolge einer richtigen, wenn auch dunkeln Vorſtellung,
die das Schaf mit dem Sehen beſitzt, obgleich es mit ſeinen
Augen noch gar keine Erfahrung gemacht hat.
neugeborne Schaf und Füllen ohne weiteres auf das Mutter-
tier zugeht, um an den Zitzen zu ſaugen, ſo geſchieht dies nur,
wenn und weil es die Mutter ſieht; denn junge Hunde, die
nicht gleich nach der Geburt ſehen können, verſtehen es auch
nicht, ſich nach der Mutter hinzubegeben. Obwohl nun der
Jnſtinkt das Schaf zur Mutter leitet, ſo geſchieht die Leitung
doch infolge einer richtigen, wenn auch dunkeln Vorſtellung,
die das Schaf mit dem Sehen beſitzt, obgleich es mit ſeinen
Augen noch gar keine Erfahrung gemacht hat.
Wenn man bedenkt, daß der neugeborne Menſch zwar viel
Zeit hat, Erfahrungen durch die Sinne zu machen, bevor er
es nötig hat, ſeinen Verſtand zu gebrauchen, ſo iſt es doch
klar, daß man auch Verſtand braucht, um Erfahrungen zu
machen. Was könnte es einem Kinde helfen, wenn es tauſendmal
erfährt, daß die Mutterbruſt ihm den Hunger ſtillt, ſobald es
ganz ohne Verſtand und auch ganz ohne Gedächtnis wäre,
und ſomit während der Sättigung nichts verſtände von der
Erfahrung, die es macht, oder nach der jedesmaligen Sättigung
ganz und gar vergäße, was es eben erfahren hat? — Hiernach
müßte man alſo annehmen, daß es wirklich angeborene Ver-
ſtandsbegriffe im Menſchen giebt, die ihn befähigen, das oft
Erlebte zu begreifen, im Gedächtnis zu behalten, alſo ſich eine
Vorſtellung auszubilden, um aus dem oft Erfahrenen ſich eine
Regel zuſammenzuſtellen, die man eben eine Erfahrung nennt.
Zeit hat, Erfahrungen durch die Sinne zu machen, bevor er
es nötig hat, ſeinen Verſtand zu gebrauchen, ſo iſt es doch
klar, daß man auch Verſtand braucht, um Erfahrungen zu
machen. Was könnte es einem Kinde helfen, wenn es tauſendmal
erfährt, daß die Mutterbruſt ihm den Hunger ſtillt, ſobald es
ganz ohne Verſtand und auch ganz ohne Gedächtnis wäre,
und ſomit während der Sättigung nichts verſtände von der
Erfahrung, die es macht, oder nach der jedesmaligen Sättigung
ganz und gar vergäße, was es eben erfahren hat? — Hiernach
müßte man alſo annehmen, daß es wirklich angeborene Ver-
ſtandsbegriffe im Menſchen giebt, die ihn befähigen, das oft
Erlebte zu begreifen, im Gedächtnis zu behalten, alſo ſich eine
Vorſtellung auszubilden, um aus dem oft Erfahrenen ſich eine
Regel zuſammenzuſtellen, die man eben eine Erfahrung nennt.
Im höchſten Grade belehrend ſind die Verſuche, die man
au Kindern feſtgeſtellt hat, die taub und blind geboren wurden.
Solche arme Geſchöpfe ſind auch zugleich ſtumm, weil ſie nie-
mals haben ſprechen hören, und ihre eigene Stimme nicht ver-
nehmen. Sie laſſen nur ſolche hören, die man unwillkürlich
ausſtößt, wie Lachen, Weinen, Schreien, Schluchzen, und machen
infolgedeſſen die Erfahrung, daß andere Weſen von dieſen
Lauten Kenntnis bekommen und ihnen Hilfe leiſten.
au Kindern feſtgeſtellt hat, die taub und blind geboren wurden.
Solche arme Geſchöpfe ſind auch zugleich ſtumm, weil ſie nie-
mals haben ſprechen hören, und ihre eigene Stimme nicht ver-
nehmen. Sie laſſen nur ſolche hören, die man unwillkürlich
ausſtößt, wie Lachen, Weinen, Schreien, Schluchzen, und machen
infolgedeſſen die Erfahrung, daß andere Weſen von dieſen
Lauten Kenntnis bekommen und ihnen Hilfe leiſten.
